So verstehen wir Raumstaben...
Interview
Neben den nun folgenden theoretischen Anmerkungen zu Raumstaben, bietet das Interview mit Prof. Claudius Lazzeroni aus der DE:BUG einen kurzen und prägnanten Einblick in unser Vorhaben.
Geschichte
Eine mögliche Genese der Buchstaben: Aus der mechanischen Dreidimensionalität (Gravuren, Knotenschriften) zur mechanischen Zweidimensionalität (Buchdruck) zur Nulldimensionalität des Kalküls. Daraus erwächst die digitale Zweidimensionalität (Postscript) und anfänglich eine digitale Dreidimensionalität (vorläufig formuliert etwa als Wissensraum).
Aufgabe
Aber die elektrische Schrift hat ihre Bestimmung noch nicht gefunden: Schreiben mit E-Gitarre und Synthesizer scheint ungleich eleganter und effizienter als die elende Abwärtskompatibilität zur Schreibmaschine. Notwendig wird es, größere Einheiten in den Blick zu bekommen und vom Beispiel der Ideogramme zu lernen. Nicht mehr Buchstaben, auch keine Wortbilder, sondern komplexe Wissens- und Medienobjekte sind in einer neuen, an Musterwahrnehmung orientierten Sprache aufeinander zu beziehen.
Kontext
Schriftgelehrte bemerken schon, dass sie später als idiots savants erscheinen könnten, die sich ohne Not auf einen schmalen Ausschnitt von Weltbeschreibung festgelegt haben. Daher verkünden Sie von Bolz und Flusser bis Derrida das Ende des Buches in Buchform. Ein daran anschließendes Programm kann nicht länger beschreibendes Paradoxon bleiben, sondern muss den Sprung in die Operationalität wagen. Die Begründung einer gestalterischen Epistemologie findet ausreichend Quellen etwa in Leibniz’ cognitio clara und cognitio confusa, Peirces Abduktion, Arnheims anschaulichem Denken und Benses Aesthetica. Vor solchem Hintergrund erscheint die alphanumerische Orientierung des Wissens als Sonderfall, der sich für kybernetisch getriebene, dynamische und komplexe Verhältnisse als schlicht unterkomplex herausstellt. Die Kritik des Logozentrismus und Analysen zur Kybernetik des Denkens haben dies thematisiert, aber nicht überwunden. Es fehlt die Syntheseleistung eines kognitiven Designs, das als digitale Poetik Sinn und Sinne wieder stärker verkoppelt und das ästhetische Denken mit dem formalen versöhnt in einem Kontinuum individuell bestimmter gradueller Übergänge.
Methodik
Wo sonst sollen sich Wissenschaft und Kunst denn treffen, wenn nicht in der Gestaltung? In Bezug auf Schrift wird der Ansatz der Typografie erweitert und radikalisiert: Nicht Punzen und Ligaturen sind zu optimieren, sondern es sollen angemessene Zeichensysteme für aktuelle Denkformen entwickelt werden. Dieser Anspruch kann nicht allein medientheoretisch erfüllt werden, sondern fordert notwendig ein eigenständiges Forschungsformat, das methodische Fragen durch reflektierte Praxis bearbeitet. Der Designer in seiner historischen Rolle des Projektemachers trifft sich mit den experimentellen Wissenschaften, die nicht durch Verfahren, sondern durch Ergebnis legitimiert werden. Die Entwicklung von Raumstaben erfordert den Typus des rogue scientists.
Vision
„Der Beginn einer zeilenlosen Schrift“ (Derrida1967/1983:155) begegnet übermäßiger Komplexität mit Musterbildung, also Gestaltung. Es entsteht eine Schriftsprache, die formal an digitale Systeme und anschaulich an die menschliche Kognition angeschlossen ist (mind ergonomisch ). Während es dem alphanumerischen Code darauf ankam, Begriffe zu differenzieren und Denkbewegung zu sequenzialisieren, kommt es der Gestaltungssprache darauf an, Heterogenität und Polykontexturalität zuzulassen und Simultanität zu ermöglichen (vgl. Bateson 1979/1987:15 „The pattern which connects“). Damit ist ein Wechsel von statischen Textgebäuden zu flexiblen Mustern angezeigt. Forschungsfragen betreffen die Möglichkeiten und Grenzen von Konventionen und Idiosynkrasien.
Anwendung
Textverarbeitung ist immer noch nach dem Vorbild der Schreibmaschine modelliert. Als ob es darum ginge, Buchstaben auf einer Fläche zu organisieren. Schreiben ist das Arbeiten an Gedanken während und durch deren Formulierung, wobei die Wahl des Mediums Unterschiede macht: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“ (Nietzsche 1882/1975-84:172). Gegenwärtig gibt es Analysen historischer Schreibszenen (Stingelin 2004) und digitale Darstellungen vorhandener großer Textmengen (Small oJ., Projekt textarc.org). Was aber aussteht ist, künftige Denksysteme wörtlich zu verstehen, nämlich als sozio-technische Konstruktionen, die auch gestalterischen Kriterien unterliegen.
Ein neuer Schreibprozess, der Kontext, Anlass, Rezipient, Ko-Autoren und Fortschreibung vorsieht, ist noch nicht einmal theoretisch beschrieben, es sei denn als frühes Desiderat:„Dem Autor, der die Bedingungen heutiger Produktion durchdacht hat (…). Seine Arbeit wird niemals nur die Arbeit an den Produkten, sondern stets zugleich die an den Mitteln der Produktion sein. Mit anderen Worten: seine Produkte müssen neben und vor ihrem Werkcharakter eine organisierende Funktion besitzen.“ (Benjamin 1934/2002:231–247)
Ein Ausgangspunkt könnte die Textanalyse auf statistischer Basis sein, die in die Nähe der Thermodynamik gerät (Bense 1966). Wie aber kann Textsynthese auf Basis digitaler Medien organisiert werden? Wir schreiben unser ganzes Leben lang nur an einem Text. Kommen immer wieder auf ähnliche Anliegen, Figuren, Schauplätze, Argumentationen zurück. Diese werden durch das mehrfache Durchkreuzen vielfältiger und gewinnen an Bedeutung. Die simple Wiederholung und Redundanz bekannter Muster wird dagegen aussortiert.
Es reicht, alles nur einmal zu schreiben und danach nur noch zu referenzieren (Ted Nelsons Xanadu Traum). Wie kann Transpublishing realisiert werden? Ist dies der Punkt, an dem Quantität in Qualität umschlägt? Welche neue Schrift nach der Schrift zeigt das an?
Zitate
„Because in the past transmitter and storage media were in short supply, for a long time we lived outside knowledge. Today, by contrast, we move in the space of knowledge, in the permanent virtual present of knowledge-satiated spaces, yes, we are inundated with knowledge.“ (Serres o.J.: 4)
„Es geht nicht darum, der Buchhülle noch nie da gewesene Schriften einzuverleiben, sondern endlich das zu lesen, was in den vorhandenen Bänden schon immer zwischen den Zeilen geschrieben stand. Mit dem Beginn einer zeilenlosen Schrift wird man auch die vergangene Schrift unter einem veränderten räumlichen Organisationsprinzip lesen. [...] Was es heute zu denken gilt, kann in der Form der Zeile oder des Buches nicht niedergeschrieben werden.“ (Derrida 1967:155)
„Die Schrift, die im gedruckten Buch ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes Dasein führte, wird unerbittlich von Reklamen auf die Straße hinausgezerrt [...]. Wenn vor Jahrhunderten sie allmählich sich niederzulegen begann, von der aufrechten Inschrift zur schräg auf den Pulten ruhenden Handschrift ward, um endlich sich im Buchdruck zu betten, beginnt sie nun ebenso langsam sich wieder vom Boden zu heben. Bereits die Zeitung wird mehr in der Senkrechten als in der Horizontale gelesen [...] Und ehe der Zeitgenosse dazu kommt, ein Buch aufzuschlagen, ist über seine Augen ein so dichtes Gestöber von wandelbaren, farbigen, streitenden Lettern niedergegangen, dass die Chancen seines Eindringens in die archaische Stille des Buches gering geworden sind. Heuschreckenschwärme der Schrift [...] Andere Erfordernisse des Geschäftslebens führen weiter. Die Kartothek bringt die Eroberung der dreidimensionalen Schrift, also einen überraschenden Kontrapunkt zur Dreidimensionalität der Schrift in ihrem Ursprung als Rune oder Knotenschrift. (Und heute schon ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartotheksystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der's verfasste, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es einer eigenen Kartothek.“ (Benjamin 1928/1972:103)
Walter Benjamin sah bereits 1928 das Buch als „veraltete Vermittlung“ an und postulierte: „Aber es ist ganz außer Zweifel, dass die Entwicklung der Schrift nicht ins Unabsehbare an die Machtansprüche eines chaotischen Betriebs in Wissenschaft und Wirtschaft gebunden bleibt, vielmehr der Augenblick kommt, da Quantität in Qualität umschlägt und die Schrift, die immer tiefer in den grafischen Bereich ihrer neuen exzentrischen Bildlichkeit vorstößt mit einem Male ihrer adäquaten Sachverhalte habhaft wird“. (Benjamin 1928:42)
Literatur
Bateson, Gregory 1987: Geist und Natur, Frankfurt/M.: Suhrkamp (original 1979: Mind and Nature: A Necessary Unity)
Benjamin, Walter 1928/1972: Einbahnstraße, in: Gesammelte Schriften IV-1. Frankfurt/M.– (1934/2002): Der Autor als Produzent – Ansprache im Institut zum Studium des Fascismus in Paris am 27. April 1934, in ders.: Medienästhetische Schriften, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 231–247
Bense, Max 1966: Aesthetica, Baden-Baden: AgisDerrida, Jacques 1967: De la grammatologie, Paris: Éditions de Minuit (deutsch 1983: Grammatologie, Frankfurt/M.: Suhrkamp)
Nelson, Ted 1974/1987: Computer Lib/Dream Machines, Redmond: Microsoft
Nietzsche, Friedrich 1882, Brief an Peter Gast, in Colli, Giorgio / Montinari, Mazzino (Hrsg.) 1975-84: Kritische Gesamtausgabe, Briefwechsel III, 1
Serres, Michel o.J.: Literature and the exact sciences, Sub-Stance. A Review of Theory and Literary Criticism 59, xviii, #2, zitiert nach Hubertus von Amelunxen 2004: Programm des Kongress Cognitive Design, http://www.cognitive-design.org (12.08.05)
Small, David o.J.: Rethinking the book, Ph.D. Thesis, MIT School of Architecture and Planning, Program in Media Arts and Sciences, http://acg.media.mit.edu/projects/thesis/DSThesis.pdf (10.02.2004)
Stingelin, Martin (Hrsg.) 2004: Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum – Schreibszenen im Zeitalter der Manuskripte. Zur Genealogie des Schreibens, München: Fink
Prof. Peter Friedrich Stephan
Prof. Claudius Lazzeroni
13.05.06





